Mehr als 425 Jahre Geschichte
Die Michel
Chronik
1600
Ein bescheidener
Beginn
Mit einer kleinen Friedhofskapelle beginnt die Geschichte des Michel dort, wo heute der Kleine Michel steht. Recht schnell wird die Kapelle erweitert, aber der Platz reicht bald nicht mehr aus. Bei gutem Wetter müssen die Fenster geöffnet werden, damit die vielen Menschen, die nicht mehr mit hineinkommen, die Predigt draußen auf dem Kirchhof hören können.
Bild: Lithographisches Institut von Charles Fuchs
1647-1661
Mehr Platz
für mehr Gläubige
1647 wird der Bau einer neuen großen Kirche an genau der Stelle beschlossen, wo die heutige St. Michaeliskirche steht. Baumeister Christoph Corbinus stirbt während der Bauzeit. Peter Marquard übernimmt, 1661 wird die erste große Michaelis-Kirche eingeweiht – noch ohne Turm.
Bild: Archiv St. Michaelis
1685
Der Michel findet
seinen Platz
St. Michaelis wird neben den vier Hauptkirchen St. Petri, St. Jacobi, St. Nikolai und St. Katharinen die fünfte Hauptkirche in Hamburg.
Bild: Archiv St. Michaelis
1750
Die erste
Brandkatastrophe
Am 10. März 1750, einem zunächst schönen Frühlingstag, braut sich über Hamburg ein Unwetter zusammen – mit schrecklichen Folgen: der Blitz schlägt in den Turm der Kirche ein. Erst zwei Stunden später wird das Feuer bemerkt. Zum Löschen ist es da zu spät. Die St. Michaelis-Kirche brennt bis auf die Grundmauern nieder. Schon am Tag nach dem Unglück beginnen die Planungen für den Wiederaufbau, 1751 wird der neue Grundstein gelegt.
Bild: Zeichnung: Franz Nikolaus Rolffsen
1762
Der Michel
ist wieder da
Baumeister Johann Leonhard Prey und Ernst Georg Sonnin, technisches Genie und Erfinder, werden mit dem Neubau der abgebrannten St. Michaelis-Kirche beauftragt. Als Prey 1757 stirbt, wird Sonnin alleiniger Baumeister der Kirche, die 1762 eingeweiht werden kann. Auch dieser Michel hat noch keinen Turm, genau wie sein Vorgänger bei der Einweihung 1661.
Bild: Reproduktion von Julius Faulwasser, ca. 1916
1786
Das Ende der Geduld
Jahrelang muss der Michel ohne Turm auskommen, bis es dem Kirchenkollegium schließlich zu bunt wird. „Man erzähle sich überall, dass es Hamburg sehr schlecht gehen müsse, weil der Kirche immer noch der Turm fehle“ – so klagen die Herren von St. Michaelis 1776 beim Senat. Endlich wird gehandelt: Ernst Georg Sonnin wird Turmbaumeister, 1786 wird der Turm feierlich eingeweiht.
Bild: Franz Nikolaus Rolffsen
1794
Eine besondere
letzte Ruhestätte
Michel-Baumeister Ernst Georg Sonnin findet in der Krypta seine letzte Ruhestätte. Das Gewölbe erweist sich als kluges Geschäftsmodell: Um den kostspieligen Bau der zweiten großen St. Michaelis-Kirche zu finanzieren, schafft Sonnin ein Gewölbe unter der Kirche, die Krypta. Wer sich hier beisetzen lassen will, der muss dafür ordentlich zahlen. Mehr als 2.000 wohlhabende Hamburger Bürger machen von dieser Möglichkeit regen Gebrauch. Auch Musikdirektor Carl Phillipp Emanuel Bach und Johann Mattheson, Komponist und Legationsrat, sind hier beigesetzt. Außerdem ist noch eine unbekannte Zahl von Verstorbenen in den Bruderschaftsgräbern bestattet worden. Erst ab dem 1. Januar 1813 werden Beerdigungen in der Stadt verboten.
Foto: Miguel Ferraz Araújo
1806-1814
Hamburg wird
französisch
Die Besetzung durch Napoleons Truppen setzt Hamburg hart zu. Der Handel mit England, einem wichtigen Partner, wird verboten. Viele Firmen gehen bankrott, die Armut wächst. Unter der Besatzung der Franzosen bleibt der St. Michaelis-Kirche immerhin das Los der anderen Hauptkirchen erspart, in Pferdeställe für die fremden Truppen verwandelt zu werden. Zwölf Gemeindemitglieder sorgen freiwillig für die verlangten Stellplätze für 500 Pferde.
Bild: Gebrüder Suhr, wahrscheinlich Christoffer Suhr
1906
Der Michel brennt
zum zweiten Mal
Bei Reparaturarbeiten am Turm lösen Dachdecker einen Schwelbrand aus. Der Turmwächter kann zwar noch Feueralarm geben, doch es ist bereits zu spät. Michel wird – erneut – vollständig zerstört, der Turmwächter kommt in den Flammen um. Am Tag nach dem Brand beschließt das Kirchenkollegium und der Rat der Stadt den Wiederaufbau der Kirche in unveränderter Form.
Foto: Georg Koppmann & Co. Hamburg
1906–1912
Aus Schaden
klug geworden
Hamburg hat gelernt: Der Michel wird fast genau nach Sonnins Plänen wieder aufgebaut, diesmal allerdings sind Turm und Dachstuhl nicht mehr aus Holz, sondern aus Stahl und Beton. Die zehn zerstörten Glocken werden neu gegossen. Tausende Hamburger sind dabei, als sie 1910 durch die ganze Stadt bis zum Michel geschafft werden. 1912 wird die nunmehr dritte große St. Michaelis-Kirche eingeweiht.
Bild: Archiv St. Michaelis
1919
Der erste
Weihnachtsmarkt
Hamburg hat 1919 schwere Zeiten hinter sich. Der Erste Weltkrieg ist beendet, Not und Unruhen setzen den Menschen in der neuen Weimarer Republik zu. Ein Lichtblick ist der erste Weihnachtsmarkt am Michel in der Adventszeit. Seither lockt er jedes Jahr am ersten Adventswochenende Groß und Klein in die Neustadt und ist damit der älteste Weihnachtsmarkt in der Hansestadt.
Foto: Otto Schmidt
1943–1945
Bomben fallen auf
den Michel
Bereits 1940 beginnen die ersten Bombenangriffe der englischen Armee auf Hamburg. In der Krypta werden Splitterschutzwände eingebaut, sie wird zum Luftschutzkeller. Während des Hamburger Feuersturms 1943 wird die Krypta zur sicheren Zuflucht für viele Hamburger. Tausende Menschen sterben in der zerstörten Stadt. Wie durch ein Wunder bleibt der Michel zunächst verschont. 1944 wird die Hauptkirche getroffen, dieser Schaden lässt sich aber reparieren. Erst kurz vor Kriegsende explodieren Sprengbomben auf dem Dachstuhl. Auch im Kirchenschiff kommt es zu Zerstörungen. Aber die massive Betondecke der Krypta hält, die Menschen bleiben sicher.
Foto: Otto Blum
1952
Neubeginn nach
dem Krieg
Hamburgs Erster Bürgermeister Max Brauer setzt sich für den Wiederaufbau des Michel ein, auch wenn die Mittel im kriegszerstörten Hamburg knapp sind. Architekt Gerhard Langmaack wird mit der Rekonstruktion beauftragt. Neue Farben und weniger Dekoration lassen den Michel nun hell und modern wirken. Nach Beseitigung der Schäden kann die Kirche 1952 wieder eingeweiht werden.
Bild: Archiv St. Michaelis
1983–1996
Der Turm
macht Probleme
Ende der 70er Jahre kommt die Hiobsbotschaft: Der Turm ist schwer beschädigt. Ein Spender kommt für die veranschlagte Summe von 4 Millionen Mark auf. Doch bei Beginn der Arbeiten 1983 wird schnell klar, dass das nicht reichen wird, denn die Schäden sind viel größer als vermutet: Das Stahlgerüst des Turms rostet. Die fachgerechte Sanierung kostet schließlich 26,5 Millionen Mark. Mehr als elf Millionen davon bringen die Hamburger durch Spenden für ihren Michel auf.
Bild: Archiv St. Michaelis
2000 - 2006
Schiefe Töne
Die Glocken des Michel haben eine bewegte Geschichte. In Kriegen wurden sie eingeschmolzen oder gingen verloren, bei Bränden wurden sie zerstört. Im Jahr 2000 wird die letzte noch immer fehlende Läuteglocke neu gegossen, die Jahrtausendglocke. Doch das Glück der Hamburger über den Klang der Glocken währt nicht lange. 2005 entdeckt ein 15-jähriger Hamburger Schüler einen Missklang mit Folgen: Die Jahrtausendglocke hat einen feien Haarriss, sie muss neu gegossen werden.
Foto: Michael Zapf
2004 - 2007
Dunkle
Geheimnisse
Seit 1985 ist die Krypta bereits öffentlich zugänglich, doch um sie wirklich nutzen zu können, muss sie grundlegend saniert werden. Die Arbeiten bieten die einmalige Gelegenheit, um einige Grabkammern zu öffnen und wissenschaftlich zu dokumentieren. Die Funde sind in einer Ausstellung in der Krypta zu sehen.
Foto: Meike Uhlenberg
2008 - 2009
Lifting für
den Michel
2008 beginnt die größte Runderneuerung des Michel seit dem Krieg: Elektrik, Anstrich, Heizung und Licht werden auf den neuesten Stand gebracht, das Kupferdach wird saniert und die Orgeln werden wieder hergestellt. Währenddessen gehen die Gottesdienste in der Krypta weiter, bis die Kirche 2009 in neuem Glanz erstrahlt.
Foto: Michael Zapf
2010
Eine Kirche,
zwei Altäre
Ein neuer Altar ergänzt 2010 den 1912 gebauten Hochaltar. Nun kann der Pastor der Gemeinde beim Abendmahl sehen und muss ihr nicht mehr den Rücken zuwenden. Überflüssig wird der prächtige alte Altar damit nicht: Nach wie vor stehen dort während der Eucharistiefeier die Abendmahlsgeräte.
Foto: Michael Zapf
2016
Der Takt der Stadt
Zehn Glocken klingen vom Turm des Michel. Zwei der vier Uhrschlagglocken fehlten, seit sie während des Ersten Weltkriegs eingeschmolzen wurden. 2016 werden sie endlich ersetzt. Damit alle vier Uhrschlagglocken wieder in der Turmkuppel ihren Platz finden, muss diese verstärkt werden. Das Geläut des Michel wieder vollständig.
Foto: Michael Zapf
2021-2022
Aus Alt mach' Neu
Das Gemeindepastorat auf dem südlichen Kirchplatz verändert sich. Das dortige, aus den 1950er Jahren stammende, denkmalgeschützte Haus wird erhalten, von außen denkmalgerecht saniert, von innen vollständig entkernt. Dazu kommt im Nordosten ein neuer Umfassungsbau, der dem neuen Besucherzentrum sein modernes Aussehen gibt. Am 1. November 2022 findet dann die feierliche Eröffnung des „Powalla Forums – Besucherzentrum Sankt Michaelis“ statt. Das alte Pastorat bekommt eine neue Aufgabe und heißt nun die bis zu 1,5 Mio. Michelbesucher willkommen.
Foto: Michael Zapf


